Besançon

Hier gibt es die Reise als unkommentiertes Video.

Eines vorneweg: Nahezu die gesamte Innenstadt ist als Autofahrer mit Vorsicht zu genießen, da sehr viele Einbahnstraßenregelungen, die noch dazu längst nicht alle mit dem Navi erfasst sind. Ich persönlich hatte das Glück, bei Freunden sehr verkehrsgünstig zu wohnen und nur eine Brücke überqueren musste, um in die Innenstadt zu gelangen. Hat man sie erst einmal erreicht, kann man sich auch als Rollstuhlfahrer recht gut und vor allem zügig in der Innenstadt fortbewegen, ohne jemals ein öffentliches Verkehrsmittel benutzen zu müssen. Sollte es dennoch erforderlich sein, bedient die erstes im Sommer 2014 eingeführte Straßenbahn hauptsächlich ein Gebiet rund um die „Grande Rue“, welche die Hauptverkehrsachse darstellt. Für die Außenbezirke gibt es überwiegend Busse, die jedoch noch längst nicht alle barrierefrei sind.  Am Tag vor meiner Ankunft gab es eine große Demonstration von Behindertenverbänden im Besançon, die für eine bessere Barrierefreiheit der Transportmittel eintraten.

In der Innenstadt konzentriert sich sehr vieles rund um die Hauptstraße „Grande Rue“. Abgesehen von den Baustellen ist Besançon eigentlich ganz hübsch. Es sind sehr viele historische Bauten erhalten, sodass ich annehme, dass die Stadt im Zweiten Weltkrieg kaum Zerstörung erfahren hat. Ich sah einige historische Gebäude, allen voran die Kirche Ste-Madelaine, die zudem den Übergangspunkt zum Stadtteil „Battant“ markiert. Im Ausland ist sie vor allem bekannt durch ihre große Orgel. Im Inneren ist sie jedoch vergleichsweise schlicht und außerdem zu dunkel, als dass sich besonders viel erkennen ließe. Am meisten beeindruckt hat mich jedoch das Uhrenmuseum oder, korrekt ausgedrückt, das „Musée du Temps“, also das Museum der Zeit. Der Name ist Programm, denn im Museum werden allen voran Uhren verschiedenster Größen, Formen und Stilrichtungen vorgestellt. Besonders beeindruckt haben mich hierbei aus neuerer Zeit die sprechenden Uhren, wie man sie früher für die Zeitansage verwendet hat. Im Prinzip handelte es sich dabei um nahezu schrankgroße Kisten, die in der Regel zwei oder sogar drei sich ständig selbstdrehende Filmspulen hatten, auf denen jeweils die 24 Stunden, 60 Minuten und in Fünfzehner-Schritten die Sekunden aufgesprochen waren. Die korrekte Uhrzeit wurde entweder über eine eigene Uhr oder die Verbindung zu einer anderen ermittelt, und der korrekte Teil der Tonspulen über eine Fotodiode ausgelöst. Zur Übermittlung der so generierten Zeitansage verfügten die meisten Maschinen über eine Direktanbindung an alle Leitungen des am Standort verfügbaren Telefonnetzes. Später habe ich auf diese Art und Weise auch gesehen, wie eine Atomuhr aussieht.

Das Musée du Temps ist übrigens barrierefrei und ansprechend präsentiert. Zur Zeit sind dort auch einige Exponate des Musée des Beaux Arts dort verteilt, weil es seit 2015 für Renovierungsarbeiten geschlossen ist und erst 2017 oder gar 2018 wieder eröffnet werden soll.

Auch in Besançon hat der unter Ludwig XIV. sehr umtriebige Festungsbaumeister Vauban seine Spuren hinterlassen, nämlich in der seit 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählenden Zitadelle. Es war sehr beeindruckend, obwohl ich viele Dinge, unter anderem das kleine Heimatmuseum, alleine nicht hätte sehen können. Sogar einen kleinen Zoo hat man dort eingerichtet.

Später stand natürlich noch der Besuch der barrierefrei zugänglichen Kathedrale auf dem Programm. Dort bekam ich fast eine Stunde lang eine wunderbare Privatführung (eine Person hatte mir sogar die Kirchenfenster erklärt) .

Besancon liegt an einer Schleife des Flusses Doubs, die den historischen Kern zumindest von drei Seiten umschließt. Insofern liegt es nahe, eine Stadt wie diese vom Fluss aus zu besichtigen. Allerdings schafft man es nicht einmal zur Anlegestelle ohne fremde Hilfe, und wenn man alleinreisend unterwegs ist, hängt es stark vom Ermessen des Kapitäns ab, ob er Sie mitnimmt. In meinem Fall hatte ich mit dem Kapitän Glück und auch mit der netten Reisegruppe aus der Bretagne, die mit mir an Bord ging. Die Tour selbst und auch ihre Kommentierung sind ihr Geld absolut wert.

Wunderbar einkaufen lässt sich in Besançon natürlich auch. Probieren Sie unbedingt auch die verschiedenen kleinen Buchläden aus. Meine persönlichen Favoriten sind jedoch andere:

La Paillotte (108 grande rue): Ein kleiner, aber äußerst feiner Spielzeugladen der besonderen Art, wie er in Deutschland leider immer öfter schließen muss. Obwohl nicht weit von der Kathedrale entfernt, wird er oft übersehen. Der Schwerpunkt liegt auf Holzspielzeug und Spieluhren älteren Baustils (letztere zwar oft Made in China, aber mit eindeutig für den französischen Markt bestimmten Motiven). Die zahlreichen Holzspielzeuge machen alle einen hochwertigen Eindruck, und der sehr freundliche Inhaber nimmt sich viel Zeit für die Beratung. Achtung: Der Onlineshop hat längst nicht alles im Angebot, was es auch im Laden gibt. http://www.paillottejouets.com/

Doubs direct (6 Rue Pasteur): Wenn Sie eine Plastikkuh und eine quietschbunte Gartenmöbelgarnitur sehen, dann sind Sie hier richtig. Direktverkauf von regionalen Produkten, z.B. Honig, Marmelade, Wurst und Käse aus der Franche-Comté sowie regionale Literatur. Bestimmte Wurst-und Käsesorten (insbesondere der Hartkäse “Comtois”) werden vom Onlinehop auch nach Deutschland in einer Spezialverpackung nach mit der konventionellen Post geliefert. Das Ladengeschäft hat auch eine kleine Außenwirtschaft, in der man zu den angegebenen Zeiten auch eine Kleinigkeit essen kann. Zweigstelle in Dijon. http://doubs-direct.fr/

Wenn Sie einen hungrigen Magen haben und auf regionale Küche wert legen, empfehle ich das “Vieux Comtois” (103 Grande Rue). Auch wenn sich für Rollstuhlfahrer nur ein einziger Tisch im Erdgeschoss nutzen lässt (die Hauptsääle befinden sich nach vielen Treppen weiter unten und werden von Rezensenten als recht lärmig empfunden), das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Die Karte erscheint auf den ersten Blick etwas klein, hat aber viele Gerichte, die gebürtige Comtois oder gar Bisontiner (wie  man die Einwohner von Besançon nennt)  teilweise noch von ihren Großeltern kennen. Sehr lecker. Eine Reservierung ist dennoch angeraten, und abends kann die Bedienung manchmal etwas auf sich warten lassen. http://www.auvieuxcomtois.fr/

 

Ein lohnenswerter Abstecher in der Umgebung ist übrigens das Musée des maisons comtoises im Örtchen Nancray, etwa vergleichbar mit den Freilichtmuseen in Deutschland wie dem Hessenpark, dem Vogtsbauernhof im Schwarzwald oder den Frielandmuseen Hohenlohe (bei Schwäbisch Hall) und Fladungen (bezogen auf die bayerische Rhön). Alleine muss man stellenweise sportlich sein, allerdings sind die verschiedenen Bodenbeläge und Gefälle auf einem gesonderten Plan für Rollstuhlfahrer gekennzeichnet, ebenso wie die Wege, die für Rollstuhlfahrer ausgeschlossen sind (letzteres ist aber auch auf dem Gelände selbst auf der Beschilderung mit einem durchgestrichenen Rollstuhlfahrersymbol verdeutlicht).
Naturgemäß kommt man in viele Häuser nicht ohne Hilfe hinein, aber an der Information kann man sich gegen Pfand ein Tablet ausleihen, das virtuelle Touren in diese Häuser (in der Regel mit 360Grad-Ansichten) ermöglicht. Diese Ansichten sind neuerdings auch auf der Website verfügbar, benötigen aber bei Mozilla Firefox und Adobe Flash Player die mit Stand Oktober 2015 jeweils aktuellste Version.