Weimar (verfasst am 6.6.2016)

Es hat über ein Jahr gedauert, bis ich realisiert habe, dass über ein bekanntes UNESCO-Weltkulturerbe noch kein verschriftlichter Artikel auf dieser Seite existiert. Das ist natürlich insofern verwunderlich, da dies nicht nur für Literaturliebhaber die Pilgerstätte schlechthin ist (Schiller fand aufgrund seines Aufruhrs um die Mannheimer Uraufführung seines Dramas “Die Räuber” nach mehreren Umwegen in Weimar Zuflucht, der ältere Goethe gelangte aufgrund des Interesses des dortigen Kurfürsten u.a. als Leiter der schon damals bekannten Anna-Amalia-Bibliothek nach Weimar).  Nach mehreren Besuchen in Weimar habe ich  vor kurzem auch endlich einen Anlauf gestartet, mich der weniger rühmlichen Geschichte zu widmen, sprich dem Konzentrationslager Buchenwald. Damit wären die touristisch interessanten Punkte relativ komplett. Einen ersten Überblick können Sie sich mit diesem Youtube-Video verschaffen.

Wie bereits im Podcast angedeutet, stellen unterschiedliche Arten von Kopfsteinpflaster an manchen Stellen Rollstuhlfahrer vor größerere Herausforderungen, besonders jenes Teilstück von der Anna-Amalia-Bibliothek zum Marktplatz. Auch die Suche nach einem Stillen Örtchen kann zur Herausforderung werden. Die Tourist-Info am Grünen Markt ist nicht barrierefrei erreichbar (Stufen am Eingang), und die Toiletten im Goethe-Kaufhaus nähe Theaterplatz - auch die Rolli-Toilette im Untergeschoss innerhalb der Ladenfläche  einer großen Supermarktkette - lassen sich alle nur über Münzeinwurf von der Sorte öffnen, wie er in den 1980er und 1990er Jahren in der Bundesrepublik West üblich war. Immerhin: Es sind eigentlich überall ständig Leute unterwegs, die man notfalls um Hilfe fragen kann.

Auch wenn die berühmte, nach der Herzogin Anna Amalia benannte, historische Bibliothek durch den spektakulären Brand von 2004 enorm gelitten hat .- viele Bücher wurden schwer beschädigt, und nicht alle ließen sich auch wiederbeschaffen. Zumindest äußerlich ist von der Katastrophe nichts mehr zu sehen, und der bekannte Rokkoko-Saal lässt sich inzwischen auch wieder besichtigen. Allerdings ist dafür eine Voranmeldung zwingend, denn aus konservatorischen Gründen ist die Besucherzahl eng begrenzt. Der Hublift zur Überwindung der Stufen am Gebäudeeingang ist übrigens äußerst raffiniert als Kanaldeckel getarnt. Im Gebäude selbst gibt es einen Aufzug. Der Saal selbst zählt zu einer Art Dauerausstellung, bei der man auch einiges über Anna Amalia erfahren kann. Und auch wenn man hier einige alte Folianten sehen kann, die meisten Bücher sind zumindest in der Recherche (diese übrigens in einem modernen Gebäude  gegenüber) nur als Digitalisate zugänglich.

Danach gibt es zwei Möglichkeiten: Man geht rechter Hand hinunter zum Park an der Ilm  (das ist allerdings eine schwierige Angelegenheit, da es für den Rollstuhl mit starkem Gefälle auf Kies losgeht, bis man an einigermaßen reizvolle Ecken kommt und die Abfallberge der letzten wilden Grillparty hinter sich gelassen hat. Eine weitere Möglichkeit, die für mich persönlich deutlich gewinnbringender war, hieß, ein wenig das Kopfsteinpflaster abwärts zum Stadtschloss zu rollen. Dort befindet sich nämlich ein sehr interessantes Stadtmuseum mit ständig wechselnden Ausstellungen und auch vielen Gemälden von Lucas Cranach d.J., der in Weimar seinen Lebensmittelpunkt hatte.

Außen vor bleibt man als Rollstuhlfahrer leider bei Goethes Gartenhaus an der Ilm und bei Schillers Wohnhaus (Treppen). Am Gemütlichsten ist es allerdings in der Fußgängerzone (angenehmster Bodenbelag der gesamten Stadt). Auf dem Weg zum berühmten Nationaltheater (lässt sich auch wegen des Goethe-Schiller-Denkmals auf dem Theaterplatz nicht verfehlen) kann man auch eine gute Abendgestaltung finden - im Kabarett “Sinnflut” im ersten Stockwerk des Gebäudes. Große Hektik braucht man beim Kartenkauf nicht zu haben, der ist nämlich erst eine Stunde vor Vorstellungsbeginn möglich. Zur Sicherheit ist auf dem Theaterplatz ein Aufsteller mit dem Tagesprogramm platziert.

Ein weniger lustiges Kapitel der Stadtgeschichte befindet sich etwa fünf Kilometer außerhalb der Stadt - das Konzentrationslager Buchenwald, nach Sprachregelung der Nationalsozialisten als Arbeitslager konzipiert.  In der Tat gab es keine Gaskammern, jedoch wurden viele durch Zwangsarbeit umgebracht. Besonders beklemmend war das Krematorium, da deutlich wurde, dass die speziell für dieses KZ konstruierten Öfen keinen Sarg aufnehmen konnten und die Brennkammern untereinander verbunden war, so dass sich Asche vermischte und hinterher nicht mehr einwandfrei zugeordnet werden konnte. Schon alleine aufgrund dieses Sachverhalts wird den Besuchern bei einer Führung freigestellt, ob sie das Krematorium sehen wollen oder nicht (für Kinder unter 12 Jahren wird selbst in Begleitung der Erziehungsberechtigten dringend davon abgeraten). Eine Führung ist extrem hilfreich, nicht nur wegen der Schleichwege für Rollstuhlfahrer, sondern auch durch die vielen Einordnungen und Erläuterungen, die erst für die echte Beklemmung sorgen.

Mein persönlicher Tipp für den Abend: In der Crêperie du Palais  (Am Palais 1, am Besten über die Windischenstraße zu erreichen). Das Gründerehepaar hat seinen Wohnsitz 2013 zwar wieder nach Südfrankreich zurückverlagert und die Leitung der Crêperie in deutsche Hände abgegeben, der Schwerpunkt auf die südfranzösische Küche (hier vor allem auf die Salate und Weine bezogen) ist nach wie vor vorhanden. Unbedingt ausprobieren! http://www.creperie-weimar.de. Tipp: Die Außenfläche der Gastronomie befindet sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite direkt an einem ehemaligen Klostergebäude, das einst Martin Luther bewohnt haben soll und das jetzt höchst stimmungsvoll umrankt ist - gerade in den Abendstunden  bei Straßenbeleuchtung sehr stimmungsvoll.