Regensburg (publiziert am: 12.09.2015)

Weltkulturerbe seit 2006, die höchste Zahl an Singlehaushalten in der Bundesrepublik (Berlin liegt erst an zweiter Stelle) und Bürger, die der Stadt eine hohe Lebensqualität bescheinigen – das alles symbolisiert heute eine ehemalige Handelsstadt, die aus einem römischen Militärlager entstanden ist. Kaiser Marc Aurel ließ an dieser Stelle ein Kastell errichten, um das Römische Reich gegen die Germanen zu verteidigen. Durch eine steinerne Tafel, die gleichzeitig als eine Art Geburtsurkunde der Stadt Regensburg gilt, lässt sich die Gründung von „Castra Regina“ auf 179 n.Chr. Datieren. Allerdings erwiesen sich die Lage an den Flüssen Regen, Donau und Naab und die immer wieder einfallenden Germanen (unter anderem aus Sachsen) als ein zu harter Brocken. Nach etwa 300 Jahren gaben die Römer auf, und es entwickelte sich, eingerahmt von den Flüssen Regen, Naab und Donau, die mittelalterliche Handelsstadt Regensburg. Lange Zeit galt sie als eine der Drehscheiben in Europa, bei denen man mit Waren vom Mittelmeer bis zum Schwarzen Meer handelte. Da man sich allerdings lange Zeit nur auf den Handel konzentriert hatte, gewannen ab dem Spätmittelalter andere Städte an Bedeutung, zum Beispiel Augsburg. Ausgerechnet durch die konfessionelle Spaltung Deutschlands gewinnt Regensburg ab dem 17. Jahrhundert wieder an Bedeutung. Während in der seit dem 13. Jahrhundert reichsfreien Stadt viele Bürger (und nach einigem Zögern auch die Stadt selbst) zum Protestantismus überlaufen, verbleiben die Getreuen des Bischofs weiter beim Katholizismus, und eine mehrheitlich protestantische Stadt ist in den Wirren der Religionskriege tolerant genug, zeitweilig auch Katholiken aufzunehmen. Das alles führt dazu, dass  der „Immerwährende Reichstag“ (er tagt nicht mehr ständig an anderen Orten, sondern hat einen festen Sitz) nach Regensburg geholt wird, und zwar von 1663 bis zum Reichsdeputations-hauptschluss 1806.

Heute ist es die viertgrößte Stadt Bayerns und dank der Wirtschaftspolitik des umstrittenen bayerischen Ministerpräsidenten Franz-Joseph Strauß auch Universitäts- und Industriestadt (BMW, Osram, Infenion). Viele Punkte für einen geschichtsinteressierten Rollstuhlfahrer, eine Städtetour zu wagen, die hier auch als Podcast verfügbar ist (und hier gehts zum Video).

Eines vorneweg: Behindertengerechte Hotels sind in der Altstadt durchaus luxuriös, aber teuer. Günstigere Hotels sind dagegen oft weit außerhalb von der Altstadt zu finden, so dass man entweder gute Nerven haben muss (die Nutzung des Autos ist durch die überwiegende Verkehrsberuhigung und die Menschenmassen nicht zu empfehlen) oder lange Fahrwege mit dem (wenn auch gut ausgebauten) Linienbus in Kauf nehmen müsste. Mein privater Mittelweg war das ibis-Cityhotel Regensburg, südlich der Altstadt (Haltestelle Hbf. Süd/ Arcaden; auf der Webseite des Hotels fälschlicherweise noch Galgenberg, da erst vor kurzem die Führung der Linien geändert wurde). Ideal für Frühaufsteher, da es bereits ab vier Uhr morgens ein abgespecktes Frühstück für Frühaufsteher gibt, bereits ab 6:30 Uhr gibt es das wesentlich umfangreichere Frühstücksbüffet. Zumindest derzeit ist der Parkplatz im Preis des behindertengerechten Zimmers inbegriffen. Mit dem Bus bietet sich insbesondere die Haltestelle Dachauplatz an, von woher man eigentlich sofort in die Altstadt kommt. Diese lässt sich so gemütlich durchqueren, dass man die spezielle Altstadtbuslinie eigentlich nicht benötigt.

Nun aber zur Stadt selbst. Der Dom ist ein nahezu überall sichtbarer Orientierungspunkt, so dass man seinen Gang durch die Stadt auch dort beginnen kann. Einzige Schwierigkeit ist, dass rund um den Dom auch Autos fahren dürfen, aber dafür hat man diese Gefahr beim behindertengerechten Zugang sicherlich nicht. Hat man es erst einmal auf den Bürgersteig geschafft, befindet sich der Eingang für Rollstuhlfahrer in einem Innenhof, in dem derzeit die Dombauhütte an der Renovierung u.a. der beiden Türme arbeitet. Daher ist der Durchgang momentan ausdrücklich nur für Rollstuhlfahrer gestattet. Das eigentliche Zugangsportal lässt sich wie bei einer elektronischen Tür mit einem Taster öffnen, und der Dom selbst ist mit Rampen gut erschlossen. Drinnen ist es allerdings sehr dunkel, und es kann einige Zeit dauern, bis man überhaupt Details wahrnimmt. Schade, denn der Dom entspricht keinesfalls den damals üblichen Konventionen, sondern mischt vielmehr alte, damals aus der Mode gekommene, und neue Stile. Übrigens: Wenn Sie im Innenhof genau hinschauen, entdecken Sie vielleicht auch einen Turm, der nicht so recht zum übrigen Dom zu passen scheint. Er stammt vom abgebrannten Vorgängerbau und wurde als einziger beim Neubau des jetzigen Domes wiederverwendet, um ihn schnellstmöglich liturgisch nutzen zu können.
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In unmittelbarer Nähe befindet sich das Alte Rathaus. Es heißt deswegen so, weil es das Rathaus der Stadt war, bevor es zum Sitz des Immerwährenden Reichstages wurde. Als jener das Gebäude in Beschlag nahm, benötigte die Stadt natürlich ein neues Rathaus, und dieses baute man sich praktischerweise gleich direkt daneben. Das Alte Rathaus beherbergt neben der Touristinformation (bei der man auch die täglich um 14:30 Uhr stattfindende Stadtführung – unbedingt einplanen! - und u.a. eine BMW-Werksführung buchen kann) auch das nach Aussage anderer Touristen sehr sehenswerte Reichstagsmuseum, bei dem unter anderem der historische Saal zu sehen ist, indem die Versammlung tagte. Dumm nur: In die Touristinformation gelangt man als Rollstuhlfahrer hinein (Treppenlift), in das Museum (Eingang im Nebengebäude) leider nur über mehrere Stufen – schade. Wichtig: Sollten Sie eine Stadtführung buchen wollen, reicht es nicht, im Rollstuhl zu sitzen. Halten Sie unbedingt Ihren Schwerbehindertenausweis bereit.
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Für die berühmte Steinerne Brücke, die ab dem 12. Jahrhundert für lange Zeit der einzige befestigte Donauüberweg zwischen Wien und Ulm war, muss man sich Zeit nehmen – weniger wegen der Brücke selbst, denn die wird seit einigen Jahren aufwändig saniert und ist daher weitestgehend eingerüstet – sondern wegen des wunderbaren Blicks über die Donau, falls die Menschenmasse vor Ihnen sich einmal vorwärtsbewegt.

Eine Schiffahrt auf der Donau mag sehr reizvoll sein, aber was meine Erwartungen anbelangte, Regensburg selbst vom Wasser aus anders zu erleben oder besser sehen zu können, wurden enttäuscht. Die von mir anvisierte „Strudel-Rundfahrt“ (hauptsächlich Entlangfahren an den Stromschnellen bei Regensburg,, also gleichbedeutend mit einer Stadtrundfahrt) kam wegen zu geringer Teilnehmerzahl nicht zustande. Die größere Fahrt, ebenfalls an den Stromschnellen entlang, führte zur Walhalla. Wunderbar, dachte ich mir, die wolltest du ohnehin besuchen. Bald darauf die Ernüchterung, dass ich bei 75 Minuten Aufenthalt dort gar nicht aussteigen konnte. Der Standard-Weg führte über Stufen, und ansonsten ging es nur einen steilen Waldweg hinauf, und dann wäre mir letztlich keine Zeit mehr für die Besichtigung übrig geblieben. Also sah ich die Walhalla vom Wasser aus und zahlte einen Aufpreis von 2 Euro, um nochmal 40 Minuten weiter nach Bach zu fahren, dem kleinsten Weinanbaugebiet Deutschlands. Dort drehte das Schiff wieder, um die anderen Fahrgäste, die vorher an der Walhalla ausgestiegen waren, wieder einzusammeln. À propos: Es gibt zwei Schiffahrtsgesellschaften, einmal die Personenschiffahrt Klinger GmbH (http://www.schiffahrtklinger.de), eine andere ist die Donauschiffahrt Wurm+Köck (http://www.donauschiffahrt.de). Im Nachhinein habe ich den Fehler begangen, mit ersterer Gesellschaft zu fahren, da sie keine Stadtrundfahrt im klassischen Sinne anbietet. Zudem kommt man zwar mittlerweile barrierefrei ins Schiff, aber nicht aufs Oberdeck, und eine behindertengerechte Toilette sucht man vergebens. Bei längeren Fahrten wie der von mir gebuchten kann es für weniger robuste Personen zum Problem werden. Bei der Donauschiffahrt Wurm+Köck dagegen sind, zumindest nach dem amtlichen Führer der Stadt, „Barrierefrei durch Regensburg“ (Stand 2013),beide Schiffe barrierefrei und mit Rollstuhlfahrer-WC ausgestattet, ein Schiff davon mit Lift zum Oberdeck.

Wer es auf außergewöhnliche Shoppingtouren anlegt, sollte die Mühen nicht scheuen, abseits der Hauptachsen zu rollen-. In den Seitengassen finden sich einige außergewöhnliche Läden, kleine Reparaturbetriebe – und am Krauterermarkt nahe dem Alten Rathaus ein traditioneller Hutmacher, der „Hutkönig“, aus dessen Produktion jener Hut stammt, den Johnny Depp in der Disney-Produktion von „Alice im Wunderland“ trägt  (wie auch an einem Filmszenenfoto im Schaufenster stolz gezeigt wird). Einen weiteren Vorteil hat das Abweichen in Seitenstraßen noch: Man sieht verstärkt Studenten, Szenekneipen – und mit viel Glück auch das Wohn-und Sterbehaus des Malers Albrecht Altdorfer (Obere Bachgasse Nr.7).
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(Streifzug durch die Obere Bachgasse)

Steigt man am bereits erwähnten Dachauplatz aus dem Bus, fällt sofort das Historische Museum der Stadt Regensburg auf, das vor allem im Erdgeschoss aufzeigt, weshalb es in Regensburg gefährlich ist, etwas in der Innenstadt neu bauen zu wollen: Bei Baggerarbeiten für ein neues Wohngebäude mit mehreren Wohnungen wurden vor wenigen Jahren Fibeln und ein Bronzepferd aus der Römerzeit gefunden, und Ende 2014 entdeckte man bei Arbeiten in der Nähe einer noch heute existierenden Bäckerei verkohlte Reste von Brezeln, Semmeln und Kipferln, die sich mit der C14-Methode auf das Spätmittelalter datieren ließen. Die Backwaren waren damals offenbar missglückt und wurden dann einfach in eine Entsorgungsgrube der Bäckerei geworfen, wo sie allerdings konserviert wurden. Und heute werden diese Reste eben im Museum gezeigt. Dieses lässt sich sehr gut erreichen, und insbesondere die Römerzeit im Erdgeschoss ist didaktisch ansprechend aufbereitet und in gut im Zusammenhang präsentiert. Demgegenüber fällt die Präsentation der Blütezeit Regensburgs bis ins Spätmittelalter in den beiden oberen Stockwerken etwas ab. Teilweise werden die Exponate auch in Zwischengeschossen präsentiert, die sich dann mit einem vom Aufsichtspersonal bedienten Treppenlift erreichen lassen.

Wenn man, wie ich, Anfang September unterwegs ist, sollte man natürlich die Dult nicht versäumen. Alle Regensburger werden wahrscheinlich die Nase rümpfen, wenn ich hier schreibe, dass dieses Ereignis in Stimmung und Aufmachung dem Oktoberfest vergleichbar ist, wenn auch in geringerem Ausmaß. Dieser Vergleich bekommt ohnehin erste Risse, wenn man bedenkt, dass die Dult auch im Mai stattfindet. Neben der traditionellen Dult hat sich auf dem Dultplatz (nördlich der Donau in der Eingemeindung Stadtamhof) auch eine kleine Waren-Dult etabliert, auf der im September 2015 auch echte Trachten (meint also nicht die derzeitigen Mode-Exemplare Made in China) und die traditionellen Hüte (wenn auch ohne Gamsbart) verkauft wurden. Selbst wenn man sich nicht in Begleitung in die einzelnen Fahrgeschäfte wagt, die Stimmung lässt sich allemal wunderbar aufnehmen. Und man kann immer noch in eines der barrierefreien Bierzelte. Ein behindertengerechtes WC findet sich übrigens ganz vorne am anderen Ende des Dultplatzes, fast direkt beim Riesenrad.regensburg04



Zu guter Letzt ein kleiner Abstecher in das etwa zwanzig Kilometer entfernte Donaustauf, zur Walhalla, der vom bayerischen König Ludwig I. erbauten Ruhmeshalle für bedeutende Persönlichkeiten „teutscher Zunge“, die nach heutigem Stand mindestens seit zwanzig Jahren verstorben sein müssen. Die Routenführung der meisten Navis endet an einer Schranke. Diese lässt sich jedoch mit dem Euroschlüssel öffnen, und nach einem weiteren Kilometer fahrt einen Schotterwaldweg hinauf gelangt man auf die Rollstuhlfahrerplätze direkt an der Wahlhalla. Von dort sind es nur wenige Meter zur gut befahrbaren Seitenaufgangsrampe. Zumindest für alleinreisende Rollstuhlfahrer ist übrigens der Eintritt frei.
Selbst wenn man die Walhalla nicht besichtigen möchte, der Blick auf die Donau und ihre Schleifen lohnt auf jeden Fall und ist ein sehr gelungener Abschluss einer Reise nach Regensburg.
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