Erfurt (erstellt am 04.03.2016; aktualisisert am 14.11.2016)

 

Spätestens wenn das Luther-Jahr gefeiert wird, wird man sich wieder an diese Stadt erinnern. Bürger der ehemaligen DDR dürften wiederum hier einen der Höhepunkte der friedlichen Revolution sehen. 1989 wurde nämlich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Dom das dortige Stasi-Untersuchungsgefängnis gestürmt, als durch Rauchschwaden offensichtlich wurde, dass die Stasi Akten zu verbrennen versuchte. Dieser Ort ist seit einigen Jahren auch eine offizielle Gedenkstätte. Sie ist zweigeteilt: Im Obergeschoss lässt sich der Trakt mit den Arrestzellen besichtigen, von denen die meisten auch noch im Originalzustand erhalten sind. In den anderen Bereichen der Gedenkstätte wird das System der Stasi, von den Verhörmethoden bis hin zu den Werkzeugen der Spitzel, ebenso detailliert nachgezeichnet wie die Erstürmung der Stasizentrale in Erfurt und weitere tragende Ereignisse der friedlichen Revolution. Die einzelnen Stockwerke sind über einen Fahrstuhl erschlossen, und viele Stationen sind mit Bildschirmen ausgestattet, auf denen Interviews mit Zeitzeugen zu sehen sind, die allesamt in Erfurt inhaftiert waren. Wenn man sich aus heutiger Sicht vor Augen führt, dass es sich hier noch um ein Untersuchungsgefängnis der Stasi handelte, es also noch nicht zu einer Verurteilung gekommen war, bekommt man vor allen Dingen beim Besuch des Zellentraktes und beim Gang entlang der ehemaligen Verhörräume das Gefühl, sich tatsächlich in der Anfangsszene von „Das Leben der Anderen" zu befinden – ein sehr realistisches und auch beklemmendes Gefühl. Die Gedenkstätte ist noch relativ neu und könnte deutlich mehr Besucher vertragen. Denn auch bei den Führungen wird einiges geboten. Neben den regulären Führungen lassen sich nämlich auch Führungen durch Zeitzeugen buchen – eine Variante, bei der sicher auch neunmalkluge und vorlaute Schüler plötzlich ganz still werden. Ein weiteres Plus: Die Gedenkstätte ist weitgehend barrierefrei, und sämtliche Etagen sind mit einem Aufzug zu erreichen.

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Auf der Homepage kann man sich ständig aktuell über laufende Veranstaltungen und Sonderausstellungen informieren: http://www.stiftung-ettersberg.de/andreasstrasse/

Wie schon erwähnt, befindet sich der Erfurter Dom in unmittelbarer Nachbarschaft zur Gedenkstätte. Die Qualitäten im Inneren kann ich allerdings nicht beurteilen, da mir die Vorbereitung eines Besuchs dieses Gotteshauses zu aufwendig schien. Ein  Auszug aus der Webseite des Bistums soll dies verdeutlichen:

 

Wenn Sie die Stufen nicht bewältigen können, steht Ihnen die Straße auf den Domberg zur Verfügung (“Severihof”). Dort fahren die Autos auf den Berg, die Straße kann mit dem Rollstuhl ebenfalls problemlos genutzt werden.

Wenden Sie sich vor den Domstufen nach rechts! An der Mauer entlang (ca. 150 Meter) finden Sie die Abzweigung des “Severihof” vom Lauentor in der Nähe der Ampelkreuzung.

Müssen Sie mit dem Auto auf den Domberg, dann klingeln Sie bitte am Tor zum “Severihof” bei “Dominformation”, es wird Ihnen geöffnet. Beachten Sie aber bitte das Parkverbot (Feuerwehr/Rettungsdienst-Zufahrt) auf dem gesamten Domberg.

In begründeten Fällen kann Ihnen ein Kurzzeitparkplatz von unseren Mitarbeitern gezeigt werden.

Für Gehbehinderte haben Dom und Severikirche ein geeignetes Portal. Bitte machen Sie in der Dominformation auf sich aufmerksam, damit Ihnen ein Mitarbeiter öffnet.
(Quelle: http://www.dom-erfurt.de/index.php?article_id=125 , Abruf am 04.03.2016)

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Das Bistum gibt sich alle erdenkliche Mühe, allerdings hatte ich keine Lust, ewige Umwege in obskure Seitenstraßen in Kauf zu nehmen, nur um am Ende doch das Telefon in die Hand zu nehmen und untertänigst bei dem einsamen Männlein an der Dominfo Einlass zu begehren.

Etwas einfacher, wenn auch erst einmal mit einem längeren Weg durch die Innenstadt verbunden, gestaltet sich da der Zutritt zu einer zentralen Wirkstätte Martin Luthers. Der Legende nach verfehlte ihn ein Blitzschlag nur knapp. Darauf hielt er sein im Stoßgebet gehaltenes Versprechen und trat in das Augustinerkloster ein. Von 1505-1511 lebte er dort als Mönch und entwickelte dort auf der Suche nach einem gnädigen Gott seine Ideen, die aus katholischer Sicht zur Spaltung der Kirche führten. Bei den Planungen zum Lutherjahr 2017 hat man sich aber zum Glück angenähert und arbeitet beispielsweise gemeinsam an einer Bibelübersetzung, die künftig von beiden Konfessionen gleichermaßen verwendet werden soll. Zu bestimmten Zeiten werden auch Führungen durch die Klosterkirche angeboten, deren Glasfenster sich großteils tatsächlich noch aus der Zeit Luthers erhalten haben. Nach der Überwindung eines kleinen Kiesweges erweist sich das ganze ehemalige Klostergelände als weitgehend barrierefrei, und wer möchte, kann dort sogar übernachten und Tagungen durchführen.

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Zum Zeitpunkt meiner Besuche in Erfurt war auch der historisch interessante Stadtkern von Autos befahren. Leider habe ich selbst noch nicht überprüfen können, wie sich die Verkehrsberuhigung auswirkt, die seit November 2015 in Kraft ist. Tatsache ist, dass man für die Krämerbrücke und die angrenzenden Gassen eine tatkräftige Schiebehilfe benötigt. Diese dürfte sich aber dank des Touristenstroms leicht finden lassen. Ansonsten gilt mein alter Rat, sich einem geführten Stadtrundgang anzuschließen. Dabei hat man auch die Möglichkeit, die reizvollen Viertel entlang des Flusses Gera zu entdecken, der weiter flussaufwärts einer weiteren Stadt in Thüringen ihren Namen gegeben hat. In Erfurt spricht man allerdings von der sogenannten Wilden Gera.

Bei alledem darf man natürlich den besten Platz für eine Mittagspause nicht vergessen, den sich ein Mitarbeiter des MDR in Erfurt (Landesstudio Thüringen und Kinderkanal) nur wünschen kann, nämlich den egapark , den “Landesgarten Thüringens” (Eigenwerbung). In direkter Nachbarschaft zum Funkhaus findet sich nämlich das große Gartengelände, das bereits zu Zeiten der DDR in kleinerem Umfang die Bühne für eine internationale Gartenausstellung  war. Seit 1961 wurde hier eine internationale Gartenbauausstellung der sozialistischen Bruderländer ausgerichtet, auf der seit 1974 auch Kunstausstellungen zu sehen waren. Jetzt  rüstet man sich - mit Erfolg, wie ich finde - für die Bundesgartenschau 2021. Selten war ein Gartengelände für Rollstuhlfahrer so gemütlich zu durchfahren, selten kommt man in so kurzer Zeit ansprechend gestaltet Pflanzen aus unterschiedlichsten Klimazonen zu Gesicht. Lediglich der Japanische Garten kann als Rollstuhlfahrer nur von Ferne betrachtet werden, was bei einem japanischen Steingarten und seiner Struktur allerdings nicht weiter verwundert.

Ein kleiner Tipp: Wem das alles trotzdem zu beschwerlich ist, der kann am heimischen Rechner einen virtuellen Rundflug mit dem Helikopter unternehmen - einfach hier klicken.